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Metalinside.ch - Bad Cop Bad Cop - Hafenkneipe Zürich 2020 - Foto Shariah
Mi, 11. März 2020

Bad Cop/Bad Cop, MakeWar

Hafenkneipe (Zürich, CH)
/ 05.04.2020

Manifesto Feminista

Der heutige Abend steht ganz im Zeichen der Flexiblen und Vielfältigen. Und der/die einfach gerne Punkrock hört. All das werden Bad Cop/Bad Cop, MakeWar uns heute ganz bestimmt in der Hafenkneipe liefern.

Es war mal eine Zeit vor Corona … ah, stopp, das war schon fast mitten drin. Wie haben wir doch damals vor langer Zeit noch gefiebert, ob einzelne Konzerte stattfinden oder nicht. Und wenn dann wie? Mit Angabe seiner Kontaktdaten wie in der Schüür in Luzern? Oder wie hauptsächlich in Zürich von städtischen in kleinere/andere Locations verschieben, wegen der maximal 100 Nasen, die sich noch treffen dürfen?

So zum Beispiel auch mit Bad Cop/Bad Cop. Das hätte heute im Dynamo stattfinden sollen, doch die Stadt Zürich hat alle eigenen Venues dicht gemacht. Doch das Team der Singalong Agency hatte sofort reagiert und mit der Hafenkneipe Ersatz organisiert. Gut, wie ich erst im Nachhinein erfahren habe, hätte das Konzerte eh im Werk 21 des Dynamo stattgefunden. Somit ist der Wechsel sagen wir jetzt platzmässig kein grosser Unterschied und so überrascht auch nicht, dass es heute Sold Out heisst. Auch wenn es nicht pumpenvoll ist, wie es in der Hafenkneipe auch sein kann, so durfte man nicht mehr als 100 Nasen reinlassen. Das war die Auflage. Und rein aus Besuchersicht ist man darüber gar nicht mal so unglücklich. Es ist gut gefüllt, aber man steht sich auch nicht gegenseitig die Latschen platt und kommt auch gut an die Bar und somit an Flüssignahrung in Form von gehopftem Getreide.

The Meseeks

Sodeli, jetzt aber genug Vorgeplänkel. Lasst die Vorbands mal den Raum aufheizen. Nun, erster kleiner Dämpfer gleich zu Beginn: The Meseeks aus dem Wallis durften sich nur kurz freuen, dass sie heute der lokale Support für die Ami-Bands hätten sein dürfen. Sie wurden vor gut einem Monat als Ersatz für Fallen Lilies aufgeboten. Und nun jedoch aufgrund der Auflagen der Stadt wieder ausgeladen. Schade, die hätten sicher auch das eine oder andere schöne Tänzli zum Besten gegeben. So nun dann, fast forward zur nächsten Band.

MakeWar

Die Labelkollegen der Headlinerinnen legen mit lüpfigem Punkrock einen guten Start hin. Das Publikum selbst geht ganz klassisch vor. Zuerst mal eine kleine Welle mit den Zehen in den Schuhen drin. Man will sich noch nicht zu schnell outen. Die Band soll jetzt zuerst mal liefern und für Betriebstemperatur sorgen. Das schaffen sie jedoch schnell und so geht’s dann auch tifig von den Zehen zum Füsse-möglichst-im-Takt-Wippen (was für taktlose wie mich schon zur ersten Herausforderung wird), dasselbe dann mit dem ganzen rechten Bein bis es ganz Elvis Like zum Pelvis (darf man googlen) hochkommt. Und schneller als erwartet sind wir schon bei Schultern und Armen. Das Kopfnicken hat schon früher eingesetzt, wird aber mit jedem Takt und Song mit einem grösseren Radius intensiviert.

Doch bis es soweit ist, mal hallo sagen. Die Multi-Kulti-Latino-Truppe aus Brooklyn NYC wirkt sehr sympathisch. Die drei Jungs meinen dann auch, es sei «Good to be back after 4 – 5 years». So genau muss man es ja auch nicht wissen. Und so geht’s weiter mit Straight-Forward-Punkrock ganz nach meinem Geschmack. Und wohl auch dem des ganze Publikums. Ein Vorteil der Location ist sicher – dass der obligate Mensch-Bühne-Band-Abstand nicht gross ist bzw. aus Platzmangel gar nicht vorhanden ist.

Der Gitarrero und so etwas wie Lead-Sänger Jose ist irgendwie ein Mix zwischen Dave Grohl und Frank Zappa. Also so irgendwie rein optisch und so. Hat aber sehr geile Stimme. Auch der Basser Colombia ist eifrig am Mikro und übernimmt stellenweise auch den Lead. Die zwei Lead-Stimmen und auch gemeinsam im Chor machen den Sound aus und sorgen somit auch für Abwechslung und ein bisschen Teenie-Punk wie man es halt aus dem Ami-Land kennt. Also eigentlich ist es Teenie-Punk für Erwachsene. Das trifft es irgendwie am besten.

Ab dem 4. Song – «No Excuses» – gibt es eine schöne Temposteigerung mit fetter Basslinie. Und so wird aus dem Hüftschwingen der erste Ego-Mosh-Pit. Jeder nutzt seinen knappen Meter Radius mit bis jetzt noch minimaler Schnittmenge. Die Temperatur steigt oder in den Worten von Jose: «It’s crazy hot up here». Gut, so up ist er auf der Mini-Bühne auch wieder nicht. Die circa 30 – 40 Zentimeter machen da wohl keinen grossen Temperatursprung. Nun, der Frühling steht vor der Tür und der Sommer ist schon drin.

Weiter geht’s mit in den hinteren Reihen mit Bein zappeln und mit dem Beat immer wieder selbiges einknicken, während vor der Bühne (also ca. 2 Meter weiter vorne) sich die Ego-Mosh-Pits langsam aber zögerlich miteinander verschmelzen. Wie hiess das Game schon wieder, bei dem man sich gegenseitig aufrisst, um seinen Bubble zu vergrössern? Also so läufts grad. Mann und Frau (OK, ich lass es jetzt mal beim binären, sonst ufert das aus) fusionieren bis es zum Ende nur noch einen Mega-Pit gibt und alle gegen alle pogen – auch Randständige werden langsam involviert, wenn auch nicht so fest, dass Bier verschwendet wird (yep, im Glas, Fläschli oder was man grad trinkt. In meinem Fall ein Quöllfrisch aus der Bügelflasche. Wie ich so Momente liebe – keine doofen Einwegplastikbecher).

Also alles immer noch schön gesittet. Selten so einen wilden, aber netten Pogo erlebt. Jetzt wo man sich offiziell berühren darf, ohne als Grabscher zu gelten, macht auch einer den Anfang fürs Crowd-Surfing. Er kommt aber noch nicht weit. Sorry, das Publikum war noch nicht ganz ready. Probiere es doch später nochmals. Und das tut er immer wieder. So nach einer Standwelle, die noch nicht so richtig weiss wohin mit dem Surfer, schafft er die ersten Meter schliesslich beim 4. Versuch. Aber erst nachdem ihm eine Lady dazwischenkam, die es gleich beim ersten Mal von vor der Bühne, einmal um den Pfosten zurück zur Bühne schafft. Respekt, weil die 180°-Kurve schon hohe Crowd-Surf-Schule ist und nicht jeder beherrscht. 1:0 für das weibliche Geschlecht und alle, die heute bei denen mitmachen.

Wir näheren uns dem Ende des nur 35minütigen aber intensiven Auftritts inklusive einer Spanisch-Lektion von MakeWar. Das war definitiv schon ein Besuch in die Hafenkneipe wert und der Mosh-Pit ist bereit. Ich muss mir mal deren Album reinziehen.

Bad Cop/Bad Cop

Zu meiner Überraschung ist der männliche Anteil heute höher als erwartet – trotz Feministinnen-Punkrock. Mal schauen, ob wir heute alle mit Schnäbi eins auf den Deckel kriegen und wir Jungs hier doch alles Masochisten sind. Aber schon fast härzig, das die vier nicht mehr ganz jungen Damen von Bad Cop/Bad Cop einen jüngeren, knackigen und vor allem männlichen Roadie dabeihaben. Das kann man jetzt sehen wie man will. Aber bevor ich jetzt die Clichés zu fest forciere, ich find’s cool, dass das eigentlich scheissegal ist. Und wenn wir schon dabei sind, schreib ich jetzt – um auch meinem frühzeitigen Tod auszuweichen – nichts über die Figuren der einzelnen Bandmitgliedern. Ich sag nur so viel, dass der lange und schlaksige Roadie hier vieles kompensiert.

Egal, nach einem kurzen Soundcheck und vier Fäuste für einen geilen Gig geht’s auch schnurstracks los mit einem «It’s good to be back …». Das hatten wir heute doch schon mall. Wer klaut da von wem?

Ein richtiger Sonnenschein ist Drummerin Myra Gallarza. Die Pausbackige drescht ganz schön auf die Felle und kann sich öfters ein Smile nicht verkneifen. Die find ich sehr cool. Und noch mehr strahlt sie, als sie Shariah mit der Kamera entdeckt. Ein schönes Bild. Aber auch der Rest der Band ist sehr steil unterwegs und wirkt gar nicht so böse wie erwartet – bis vielleicht auf Bassistin Linh Lee. Mit der möchte ich jetzt nicht über ihre Untersetzung diskutieren. Aber hey pam, darum geht’s ja jetzt auch nicht. Irgendwie kommt mir das ganz ein bisschen wie die «The Bangles go wild» rüber. In der Mitte steht so was wie die Leadsängerin – wobei alle die auf der Bühne stehen, immer wieder mal den Lead übernehmen dürfen – Jennie Cotterill. Mit ihrer eher hohen, weiblichen Stimme und den schwarzen Haaren passt der Vergleich mit Bangles bzw. Susanna Hoffs so ziemlich gut. Etwas nach hinten versetzt steht links von ihr Stacey Dee. Ihr rauerer und aggressiverer Gesang gefällt mir tendenziell besser als der von Jennie. Und rechts von Jennie ist dann Basserin Linh. Die vom Look und Ausstrahlung die Aggressivleaderin ist, aber gesanglich mit ihrer Stimme irgendwo zwischen den beiden anderen liegt. Also insgesamt ein sehr guter Mix. So wie in einer Boy-Band (hüstel) deckt man also alle Vorlieben einer breiten Masse nicht nur optisch brav ab.

Natürlich ist das heute jetzt nicht Massensound. Aber ich bin bekanntlich ja nicht so der Fan von politischem in der Musik, dennoch ist der Sound und auch die Band viel zugänglicher als befürchtet. Also den Sound hab ich ja schon gekannt, aber es hiess jetzt nicht den ganzen Abend Männer sind Schweine und so. Also natürlich bekam Harvey Weinstein sein fett weg (gut, das hätte er wohl gerne so im wortwörtlichen Sinne gehabt) und natürlich jubeln alle, als sein Name und die grad bekanntgewordene Verurteilung fällt. Auch wenn man das differenzierter Anschauen kann, dafür ist heute kein Platz, sondern es braucht Feindbilder und dazu eignet sich natürlich eine hässliche Figur wie er bestens.

Und immer wieder ist natürlich auch gleichgeschlechtliche Liebe und Co. ein Thema. So wird auch mal ein Song als «dedicated to the same sex marriage» angekündigt. Was den Typ in der weissen Latzhose zum Jubeln bringt, als hätte seine Mannschaft grad ein Goal geschossen.

Grad bei den neueren Songs wird immer wieder der autobiographische Teil von diesen erwähnt. So zum Beispiel bei «Refugee», welcher von Linh angekündigt und gesunden wird. Sie ist eine Secondo von Eltern, die aus Vietnam in die USA geflüchtet sind. Oder «Breastless»: Stacey hatte letztes Jahr eine Brustkrebs-Diagnose erhalten und mit dem Song ihre Angst die Brüste zu verlieren verarbeitet. Aber es kam alles gut und ihre beiden Dinger seien noch dran: «They even got bigger!»

Für mich bleibt aber das Wichtigste: Der Sound ist cool, die Mädels geben Gas und der Pit hat alle Hemmungen abgelegt. Von mir aus hat man halt einfach eine gute Zeit und pogt für einen guten Zweck, wenn man die Botschaften der Band mitnimmt. Die sind zwar oft eine Spur zu radikal für mich, aber die Richtung für eine offenere, tolerantere und friedlicher Welt stimmt. Da surft man gerne auf dieser Welle mit.

Apropos surfen: Die Band – ich glaub es war Jennie oder die Drummerin Myra – wird von einem fixen Spot auf die Bühne dauergeblendet. So meint Jennie, der/die nächste Crowdsurfer(in) solle doch grad beim Vorbeisurfen den Spot etwas richten. Nun, die Hafenkneipe ist nicht sehr hoch, drum ist das durchaus machbar. Marion neben mir ist jedoch eine Frau der Tat und so bin ich jetzt mal der Packesel und schultere sie hoch. Der Spot neu gerichtet und alle bis auf Shariah mit der Kamera sind froh. Für eine Fotografin kann es natürlich nie genügend Licht auf die Protagonistinnen haben.

Übrigens, inzwischen werden die Surfer immer gewagter. Die eine Dame schafft es jetzt sogar rückwärts einmal um die Säule – von der Bühne zurück auf die Bühne. Die wird da einfach wieder hingestellt, von wo sie die Reise aufnahm. Was aber auch sehr cool ist, die Frauen können easy auch bäuchlings surfen und keine Hand verirrt sich dabei an Orte, wo sie nicht hinsollte.

Es geht Schlag auf Schlag mit «Warriors» und dem sehr coolen «Simple Girl», vorgetragen von Stacey. Sie kündigt den Song damit an, dass es keine Simple Girls gäbe und sie selber schon gar nicht. Vor allem grad jetzt nicht, da sie die Periode habe. Na ja, dabei hat sie mich doch im Publikum als die Vorband spielte angelächelt … 😉.

Sehr geil kommt ein weiterer neuer Stampfer mit «Perpetual» – gesungen von Jennie. Nach ein paar weiteren auch schon bekannten Songs ist nach 55 Minuten punk- und virusgerecht Schicht im Schacht.

Das Fanzit – Bad Cop/Bad Cop, MakeWar

Das war ein sehr kurzweiliger, punkrockiger Abend. MakeWar führten das Publikum schön bei der Hand zur richtigen Betriebstemparatur mit einem engagiertem Auftritt und Skater-Teenie-Punk für Erwachsene mit einer Prise Latino. Bad Cop/Bad Cop haben zwar ein paar erwartete No-Gender und traditionell Fuck the Bünzli-Sprüche gebracht. Es war aber bei weitem nicht so schlimm wie befürchtet. Und was hängen bleibt ist rotzfrecher Punkrock mit einer Prise Girlie. Also wirklich sehr geil. Und die nicht mehr ganz jungen Girlies sind auf ihre Art verdammt attraktiv und in die Schlagzeugerin kann man sich so richtig verlieben. Einfach ein Goldschatz mit viel Power. Und auch die anderen decken alle Vorlieben der Fans ab, so dass heute definitiv ein Jeder, eine Jede und ein Jedes mit einem fetten Smile sich von ein paar Wochen Konzerten verabschiedet hat. Was mir damals noch nicht 100% bewusst war, es sollte für mich das letzte Konzert vor dem Lockdown sein. Dafür ein würdiges.

PS: Am Schluss läuft noch ein Kevin Spacey in der Hafenkneipe drum … dass der nicht vermöbelt wird ?!?

Setliste MakeWar

  1. Matador Pool Party
  2. DTFH
  3. My Bones
  4. No Excuses
  5. Tiger Lili
  6. No Mas
  7. American Futbol
  8. Oh, Brother
  9. Ode
  10. Sallie

Bad Cop/Bad Cop

  1. Retrograde
  2. Why Change A Thing
  3. I’m Done
  4. Nightmare
  5. Broken
  6. Refugee
  7. Breastless
  8. Amputations
  9. Warriors
  10. Simple Girl
  11. Perpetual
  12. Victoria
  13. Cheers
  14. Womanarchist
  15. Wild Me
  16. Sugarcane

Fotos Bad Cop Bad Cop, MakeWar – Hafenkneipe Zürich 2020 (Shariah)


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