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Fr, 21. Juli 2017

Openair Rüchä Rock 2017 – Eluveitie, Shadow’s Far, Sickret, Blow Job

Bielen (Unterschächen, CH)
01.08.2017

De Ruef vu de Bärge …

Man kennt sie und geht gerne an die grossen Festivals mit den Line-ups, die jedem gehörigen Metal-Maniac die Glubscher befeuchten. Perfekt organisiert, sound- und lichtmässig meist Top und wenn’s dann noch eines wie Wacken ist, dann trifft man dort die halbe Metal-Welt.

Und da gibt es nebst den mittelgrossen noch die eher kleineren, regionalen bzw. gar lokalen Geschichten. Die man kaum kennt, kaum davon hört, ausser …

… eine ganz grosse Band hört einen Ruf in die Berge und lässt dies auch Nichteinheimische davon erfahren. So mit mir geschehen vor ein paar Wochen. Da gibt es seit mehreren Jahren ein Festival in Unterschächen, der inoffizielle Hauptort vom Schächental und das Tor zum Klausenpass tief in den Alpen des Kanton Uri. Gut, für viele hört sich das jetzt sehr exotisch an, für mich wärs eigentlich nicht. Ich bin halb Uriner und habe im Tellendorf mütterlicherseits meine Wurzeln. Yep, bin ein Tellensohn, für die es noch nicht gewusst haben. Aber zurück zu diesem ominösen Festival, es geht ja nicht um mich.

Da googelt man wie wild um mehr darüber zu erfahren, aber findet kaum irgendwelche Informationen. Ohne Facebook praktisch gar keine. Es gibt keine Webseite, einzig einen Eintrag im Urner Eventkalender und dieser ist nicht ganz aktuell. Man findet kaum Info wo was wann wo. Tickets gibt’s bei den lokalen Raiffeisenbanken und erst ab ein paar Wochen vor dem Festival oder man schreibt einem gewissen Koni. Und das klappt auch sehr gut.

Das muss eine ganz schöne, fette Perle sein, dass die Urner oder gar Schächentaler dies so ungerne mit dem Rest der Schweiz oder gar Welt teilen wollen. Da muss ich einfach hin.

Naiv schreib ich einen Vorbericht und erklär dabei auch grad, was das „rüchä“ von Rüchä Rock heisst. Ich nahm einfach mal an, das kommt von „roh“ – also rohem, harten Rock. Ich soll dazu am Festivalabend bei ein, zwei Bier eines Besseren belehrt werden. Die mächtige Felswand beim Festivalgelände sei der „Rüchä“. Aha, jetzt ist alles klar. Oder doch nicht? Zur Sicherheit google ich Rüchä in Unterschächen nochmals und jetzt kommen nur Resultate zum Festival. Ist ja klar … also, ich übernehme keine Gewähr für diese Erklärung des Namens. Vor allem wenn sich der Hoger (Berg) auch so rar macht wie das Festival selbst. Ich schlag vor, wir lassen beides gelten, bis ich offiziell aufgeklärt werde. Vielleicht gleich hier nach diesem Bericht im Kommentar. Was ich aber noch zu hören bekomme, ist dass das Rüchä Rock in Abwechslung mit einem anderen Festival in Flüelen am See im Zweijahresrhythmus stattfindet. Das lass ich jetzt ohne Google-Quercheck einfach mal so stehen.

Nun aber zum eigentlichen Festivalbericht. Zumindest zum Freitagabend inklusive langer Nacht. Wir fahren zu dritt mit Shy-d’s Familien-Büssli ins Schächental. Einen offiziellen Camper-Camping-Platz gibt’s nicht. So werden wir ins Sandwich von zwei bereits dort stehenden Büsslis gleicher Marke, gleichen Modells und gleicher Farbe auf dem Schulhausplatz eingewiesen. Nein, die Farbe ist nicht schwarz …

Der kleinste Festival-Camper-Platz hindert uns aber nicht, sofort tolle Bekanntschaft mit den Nachbarn zu machen. Ein Punkrocker-Pärchen aus Sursee die vor allem wegen Sickret da sind. Ein, zwei Schnäpsle, ein paar Bier bis wir uns dann auf den Weg durchs Quartier hoch hinauf zum Festivalgelände begeben. Die Luzerner mutig mit einem Velo zu zweit. Viel Spass dann bei der Abfahrt mit etwas mehr Promille …

Und das sind einfach die Momente, welche ich als Metler liebe. Wie immer alles ganz friedlich, gut die Töchter sind entweder alle schon in ihren Zimmern eingeschlossen oder schon oben beim Festival. Auch sonst lässt sich nicht viel Blicken. Rund 10 Minuten später werden unsere hohen Erwartungen erfühlt. Wunderschön auf einer Alpwiese – gespickt mit Felsbrocken – erwartet uns das Festivalgelände. Kaum Security, einfach alles ganz unkompliziert und äusserst sympathisch. Da fühl nicht nur ich mich fast wie zu Hause. Hene, der Dritte im Bunde der Bande, hat hier sogar vor Jahrzehnten in einem Lager seine Frau kennen gelernt. Da kommen natürlich zusätzliche Emotionen hoch – nicht nur beim Anblick des Schwagers zu späterer Stunde hinter dem DJ-Pult. Der soll übrigens den Rock und Metal durch seinen Schwager – also Hene – entdeckt haben. Als er bei meinem ersten Rencontre grad Sepultura, Overkill und weitern Old Skul Thrash zum Besten gibt, muss ich Hene auf die Schulter klopfen. Einziger Schönheitsfehler, Eluveitie und Amon Amarth gefällt ihm nicht und hat er nicht, spielt er nicht. Dabei wäre jetzt grad so ein „Raise Your Horns“ passend gewesen. Aber jetzt habe ich ein paar Stunden übersprungen …

Comaniac … verpasst

Das Line-up heute Abend ist top für einen Musikgeschmack der sich mein Eigen nennt. Und es gibt auch ein Wiedersehen mit Ray, unserem Greenfield-Maskottchen von 2015, der bei Comaniac bassiert. Die Heavy-/Thrash-Metal-Combo hat vor ein paar Monaten einen von unserem Metalinsider Domi stark abgefeierten neuen Longplayer rausgehauen. Ich hätte sich ganz subjektiv nicht ganz so hoch gewertet, aber bin ja auch der Thrasher und davon hätte ich etwas mehr erwartet, aber dennoch freue ich mich die Band zum zweiten Mal nach dem Harvest-Festival im Muotathal vom letzten Jahr live zu sehen.

Doch zu früh gefreut. Ich hätte nicht erwartet, dass die Aargauer so früh spielen. Bewusst veröffentlicht der Veranstalter keine Running Order bzw. erst auf dem Festival-Gelände, damit die Leute nicht erst kommen, wenn ihre bevorzugte Band spielt. Das find ich eigentlich ganz ehrbar, aber hätte ich gewusst, dass Comaniac so früh spielt, hätten wir im Coop in Goldau etwas weniger lang nach gekochten Gümel (also Hültschengümel bzw. Gschwellti = gekochte Kartoffeln) für unser zu späterer Stunde, wie es für uns Festival-Tradition ist, geplanten Raclette – gesucht. Nun, das einzige was ich von Comaniac sehe, ist die Band am Merch und ihr Merch. Auch als Hoodie getragen von Steven Le Land Scholl – die Vertretung von Metalnews and Hardcore-Fan der Band. Heisst der eigentlich wirklich so? OK, bin am abschweifen …

Hartes Brett durch Blow Job

Blow Job haben gleich losgelegt als wir ankamen und legen ein schönes Brett vor. So richtig Bay Area Thrash-Metal mit einem guten Schuss Groove wie ich es liebe. Ganz geiler Auftritt auch wenn sich nur ein paar ganz treue Seelen bis fast an die Bühne wagen – natürlich wie es sich in der heilen Bergwelt gehört ohne Security-Graben. Die meisten schauen sich das Spektakel noch mit gebührendem Abstand an. Man nimmt’s eher gemütlich. Auch wir. Mal was essen wäre sicher auch kein Fehler. Die Auswahl ist nicht riesig. Es gibt genau einen Food-Stand bzw. -Anhänger. Aber Hola, die Alpenfee, selten einen so feinen Burger und Pommes Frites an einem Festival gegessen. Top. Gab später dann grad noch einen.

Nebst den Food-Wagen gibt’s eine kleine Zeltstadt mit Bar und „Festzelt“ für die Masse mit eben dem Schwager-DJ drin. Alles ganz zweckmässig, auch wenn die Liebe zum Detail etwas fehlt. Das sei schon anders gewesen, hören wir. Aber was zählt ist die eindrückliche Natur-Kulisse rundherum und natürlich der Sound.

Eluveitie folgt dem Ruf vu de Bärge

Das Eluveitie heute hier spielt, find ich schon sehr cool von der Band. Die spielen auf der ganzen Welt, auf den grössten Bühnen und entsprechend die Festivals von Wacken bis 70’000 Tons of Metals. Hier hat das Dorf gerade mal 700 Einwohner und heute hat sich diese Zahl wohl fast verdoppelt. Ich denke mal so knapp 1’000 Leute – grosszügig gerechnet – sind heute da. Mit viel mehr hat man aber auch nicht gerechnet, denn als Elu die Bühne betreten, ist das Gelände gut gefüllt. Und das Wetter gnädig. Wenn’s mal regnet heute Abend, dann höchstens zwischen den Umbaupausen. Während diesen verzieht man sich easy in eines der Zelte.

Eluveitie müssen mit ihrer Gage hier schon sehr entgegengekommen sein. Mit neuen Nasen auf der Bühne und einer hohen Nachfrage nach der Band, könnte sich so ein Festival eine solche renommierte Band kaum leisten. Wie erwähnt, rechne ich es Chrigel & Co. schon sehr hoch an, dass sie nach wie vor auch so kleinere Festivals und Bühnen – zum Beispiel am 30. September 2017 auch in der Galvanik in Zug – berücksichtigen. Dies soll einfach wieder mal gesagt werden an all die ewigen Kommerz- und Ausverkaufschreiern. Eluveitie könnte sich seinen Status viel mehr vergolden und sich auf weniger dafür grössere Auftritte beschränken.

Gut für die Fans, die somit die Chance haben, unsere Lieblingshelvetier mehre Male pro Jahr ohne grosse Reise auf komplett unterschiedlichen Bühnen zu erleben. In meinem Falle war es in diesem Jahr schon das Z7, KiFF und am Greenfield.

Letztere Show hatte mich nicht ganz restlos überzeugt (Licht, Sound/Power). Ich gebe es zu, meine Erwartungen an die Folk-Death-Metal-Speerspitze sind auch immer sehr hoch. Doch schon mal der Spoiler: Heute strotzen Eluveitie vor Spielfreude, Chrigel mit einem schon fast Dauersmile und die Power ist wieder 100% da. Die Kräfte der Urschweiz scheinen zu wirken. Und vor allem auch die der Songs. Die Setliste ist Top. Ich hätte zwar mehr von der neuen Akustik-Scheibe erwartet, aber soweit ich mitgekriegt habe zwischen Fötelen, kleine Mädchen auf der Schulter tragen (ganz kleine Mädchen!), dezentem Headbangen und mich in unnötige Diskussionen verstricken, spielten sie nur den Übersong „Epona“. Persönlich fand ich das aber auch gut so, wieder mal ein vorwiegend härteres Set zu hören.

Die Band hat inzwischen auch wieder – zumindest von aussen betrachtet – die ursprüngliche Routine. Man nimmt auch eine sehr positive Energie war, die zwischen den Musikern herrscht. Vor allem auch unter den drei Mädels, die auch mal zusammen posen oder sich ins Instrument (Harfe) des Gspändli zum Spass vergreifen. Dass was nach dem grossen Wechsel vor einem Jahr übrigblieb, hat es geschafft, geniale junge Top-Musiker um sich zu scharen.

Kurz: Eluveitie waren heute schlicht und einfach wieder überragend und haben mir einmal mehr bewiesen, dass ihnen in der Schweiz und diesem Genre weltweit niemand das Wasser reichen kann. Wir haben nicht nur mit Federer eine langjährige (Ex-)Nummer 1 im Tennis, sondern seit vielen Jahren auch im Folk Death Metal. Auf Eluveitie bin ich mindestens so stolz wie auf unseren Jahrhundert-Sportler.

Sickret – zu Ehren von Chester

Die Surseer Nu-Metal überzeugen ebenfalls auf der ganzen Linie. Selber wurde ich nie ganz warm mit Nu-Metal, aber bei Sickret überwiegen die positiven Elemente einer Band wie Linkin Park – der Metal hat klar die Überhand und die Melodien sind absolut vorhanden. Sie schaffen also den perfekten Crossover-Spagat zwischen Metal und eben dem Nu-Metal. Wer also letzte Woche am Trauern war nach dem Freitod von Chester Bennington, kann sich zumindest darauf verlassen, dass es auch in der Schweiz ganz geile Bands in diesem Genre gibt.

Gerne wieder!

Shadow’s Far

Meine Kauschublade, was geht denn jetzt ab? Sie nennen ihren Sound wohl angelehnt an den Bay Area Thrash Metal „Ürnersee South Coast Thrash“. Shouter Roman fackelt nicht lange und gibt gleich mit dem ersten Ton den Tarif durch. Sie seien bekannt für heavy Stage Diving und dementsprechend sollen die Leute näher an die Bühne kommen. Die Ürner schaffen es bei ihrem Heimspiel, dass sich der Bereich vor der Bühne nochmals gut füllt. Und die Meute lässt sich nicht zwei Mal bitten und es wird vor und von der Bühne gesprungen, was die Arme und Köpfe tragen.

Sehr geil wie die Jungs auf der Bühne abgehen und Roman die Leute immer wieder zu ihrer letzten Kraftreservenanzapfung anstachelt. Da kommt auch das Powermädel mit dem N.O.T.-Käppi auf die Bühne und lässt sich fliegen. Anthrax passt hier gut, denn nebst Thrash hat es auch eine gute Prise Crossover wie es Anthrax in den 80ern pionierte aber vom Sound her sind bei Shadow’s Far auch Anflüge von Death und so bewegen sie sich – wenn wir schon am Vergleichen sind – näher bei Hatesphere.

Fetter Abschluss eines Line-up wie aus meinem bevorzugten Bilderbuch, wenn ich denn ein solches hätte. Und standesgemässm wie es sich auf dem Lande gehört, beschliesse ich den Abend bei Einheimischen, die man auf dem Weg zurück zum Büssli kennenlernt, mit „Schwarznen“ (zu später Stunde Privat Kaffee-Schnaps trinken). Gut bei mir ohne Schwarz und nur Schnaps.

Fanzit

Noch Tage später habe ich einen Riesensmile à la Dimitri, wenn ich mich an den Freitagabend zurückerinnere. Soweit diese noch da sind. Denn feuchtfröhlich war es. Vor allem aber fröhlich. Alle waren easy drauf und es herrschte eine sehr relaxte Atmosphäre zwischen den Felswänden eines Seitenarms des urigen Schächentals. Von wegen verknorzte Urner, die sind lockerer drauf als jeder Rastafari. Keine bösen Blicke bei den Quartierbewohnern, es scheint, als freue sich das ganze Dorf auf die schwarze Meute oder zumindest arrangiert man sich sehr gut damit. Das Rüchä Rock ist eine kleines aber sehr feines Open-Air, ohne zu klotzen aber dennoch mit der notwendigen Qualität beim Wesentlichen: Dem Line-up, dem Sound, dem Publikum und auch nicht ganz unwichtig beim Bier. Alle Bands die ich gesehen habe, waren Top, sehr engagiert, viel Leidenschaft und boten Top-Sound. Ganz vorne und als klarer Leader – was ja auch so sein soll – Eluveitie. Die Folk-Deather boten hier für mich einen der besten Auftritte seit langem. Ich kann den Nächsten kaum erwarten.

Aber nicht nur auf Eluveitie. Ich bin gerne wieder dabei am nächsten Rüchä Rock. Wer weiss wann es wieder stattfindet. Alle zwei Jahre? Das ist dann auch die einzige Kritik: Ist ja schon cool, wenn das Ganze so ein Geheimtipp bleibt. Aber ein bisschen mehr Kommunikation, Information und eine einfache Webseite als Basis davon wären schon nicht verkehrt.

Fotos vom Rüchä Rock am Freitag (pam)


Wie fandet ihr das Festival?

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